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419   9.11.2020        
      
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 KOMMENTAR

Santa Claus, ho ho ho

Noch nie in ihrer Geschichte haben die Menschen – insbesondere in Westeuropa - sich weiter von jeglicher Religion entfernt als heute. Und gleichzeitig wurde nie wurde eifriger und heftiger moralisiert. Wehe dem, der sich den Forderungen nach Gleichheit, Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, Friedenspolitik und Multikulti entziehen will. Er wird umgehend – modern formuliert - von einer Compliance-Welle erfasst und falls nicht, von einem altmodischen schlechten Gewissen geplagt. Das christliche Sündenregister war weit bescheidener, jedenfalls solange die Kirchen nicht auch den progressiven Forderungskatalog übernommen hatten.

Es scheint, dass ein Leben ohne organisierte Religion durchaus möglich ist, zumal der Wegfall des oft als lästig empfundenen sonntäglichen Kirchbesuchs das hervorstechende Komfortmerkmal des Atheismus ist. Aber eine tiefsitzende, religiöse Veranlagung ist uns allen auf den Weg gegeben. So ist der zwanghafte Hypermoralismus, der uns in tausendfacher Form täglich überfällt, wohl die unausweichliche Kompensation oder Strafe (?) für unsere Gottesferne. An die Stelle der Sünde ist die Flugscham getreten, statt zur Vergebung Busse zu tun, bezahlen wir zum Ablass eine CO2-Ausgleichs-Gebühr und einen gesetzlich verlangten Strafzuschlag. Und niemand erwartet, in der kommenden Weihnachtszeit in einem Geschäft oder in der Werbung auch nur den leisesten Verweis auf Maria, Josef und die Geburt Jesu. Als Ersatz wird Santa Claus samt rotnasigem Rentier aufgeboten. Designed in US, made in PRC.

Besonders entsetzlich ist das sogenannte Gendern, also der Versuch, die geforderte Gleichheit durch sprachpolizeiliche Massnahmen durchzusetzen. Wie in längst vergangenen Zeiten werden Worten und Formeln magische Kräfte zugesprochen. Aber was wir bekommen ist bloss eine verunstaltete Sprache. Meine Enkelin spricht ganz selbstverständlich von ihren «Lehrpersonen». Das sind keine Frauen und Männer mehr. Auch nicht Menschen. Nur noch Personen, geschlechtslose Funktionsträger. Offenbar verstehen sie sich selbst als solche. Die Partizip-Form, welche ebenfalls der sprachlichen Beseitigung zweifellos gottgewollter aber offenbar als diskriminierend empfundener Unterschiede dienen soll, macht jede Lektüre politisch korrekter Texte zur Qual. Der Lehrling wird zum Lernenden, Pensionierte zu Rentenbeziehenden und Aktive zu Beitragszahlenden. Ganz abgesehen von den Führungspersonen in der Geschäftsleitung. Aber das hatten wir schon. Der Gleichschaltungs- und Inklusionsfimmel findet seinen Höhepunkt im Sternchen-Unsinn, der als Symbol besonderer Fortschrittlichkeit in linken Zirkeln und darüber hinaus zelebriert wird. Widerstand ist zwecklos. In Kürze wird das Sternchen auch in Jahresberichten und Sitzungsprotokollen die «Lesenden» belästigen.

Davon bleibt kein Lebensbereich verschont, schon gar nicht die Altersvorsorge. Die Initiative für ein «Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten» fällt präzis in diese Kategorie der moralischen Ersatzhandlung. Wie weit der Kirchenbesuch unsere Chancen beim Jüngsten Gericht verbessert, bleibe dahingestellt. Doch unbestreitbar ist, dass wegen der Initiative nicht ein einziger Schuss weniger auf den Schlachtfeldern dieser Welt abgegeben würde. Auch die von Boeing gebauten Kampfflieger der israelischen Armee werden möglicherweise weiterhin eingesetzt, auch wenn unsere Pensionskassen nicht mehr in Boeing-Aktien investieren dürfen. (Der Fall wird von den Initianten als konkretes Beispiel für die Verwerflichkeit solcher Anlagen auf ihrer Website beschrieben. Die palästinensischen Raketen finden keine Erwähnung).

Der versprochene «Schritt zu einer friedlicheren Welt», wie ihn die Initianten auf ihrer Website versprechen, ist entweder Ausdruck peinlicher Naivität oder aber das wolkige Verkaufsargument einer auf umfassende politische Macht abzielenden progressiven Bewegung.

Man kann sich die Frage stellen, soll tatsächlich in die Produktion von Kanonen und Bomben investiert werden? Aber wer die Frage stellt, dazu nicht nur schon die Antwort hat, sondern damit gleich eine politische Forderung verbindet, sieht sich in der Rolle des Lehrmeisters. Moral wird mit Macht verknüpft. Man spricht anderen die Fähigkeit ab, selbst zu entscheiden. Freiheit und Selbstverantwortung haben in diesem Denken keinen Raum.

Dass eine Pensionskasse sich vor allem um die Performance der Anlagen zu kümmern hat und die Weltverbesserung nicht in ihrem Pflichtenheft steht, scheint den Moralisten ein unhaltbarer Zustand. Wir haben in unserem Land gottseidank die Trennung von Kirche und Staat, aber die Glaubensgemeinschaft der Progressiven macht sich zur Durchsetzung ihrer Glaubenssätze und Rituale ungeniert den Staat zu Nutze. Da fallen mehrere Jahrhunderte nach dem Zeitalter der Aufklärung einst als fortschrittlich gehaltene Abgrenzungen wieder dahin.

Zu beachten ist, dass die Initiative - unabhängig davon ob angenommen oder abgelehnt - nur ein Glied in der endlosen Reihe bisheriger und künftiger Forderungen bildet. Das Geschäft mit der Moral ist zum Daseinszweck einer politischen Industrie geworden, die zu ihrer Selbsterhaltung dauernd neue Forderungen und Verbote produziert. Wo das dereinst enden wird, ist der Phantasie überlassen. Unsere favorisierte Variante sieht als letztes Überbleibsel der Privatwirtschaft das Schnitzen von Brienzer Holzbären in Heimarbeit. Vorausgesetzt das Holz stammt aus zertifiziert nachhaltigem Bestand. Das heisst, bis die Forderung einer Allianz zur Wahrung der Bärenwürde dem eitlen Treiben ein für allemal ein Ende setzt.

Niemand hat diese Entwicklung unserer Gesellschaft scharfsichtiger erfasst als der italienische Philosoph, Schriftsteller und Verleger Roberto Calasso. In seinem Buch «Das unnennbare Heute» befasst er sich mit dem säkularen Denken und dem Homo Saecularis, der diese Welt bewohnt. Er schreibt:

«Der Homo saecularis spricht mit vielen, oft entgegengesetzten Stimmen. Am deutlichsten zu vernehmen ist die fortschrittliche und humanitäre. Sie verkündet, in abgeschwächter und erbaulicher Form, Vorschriften aus dem christlichen Erbe. Eine lauwarme und ängstliche Lösung, die aber gut zu der umgekehrten Bewegung passt, die sich in der Kirche selbst vollzieht und diese immer mehr wie eine Hilfsorganisation erscheinen lässt. Das Ergebnis ist, dass die Säkularisten mit der Zerknirschung von Geistlichen reden und die Geistlichen gern als Professoren der Soziologie durchgehen würden.»

Peter Wirth, E-Mail

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