Copy
466  7.11.2022       
      
BVG-Aktuell  / Termine / Links / Themen

Newsletter als PDF zum Herunterladen und Ausdrucken hier.

      An <<Vorname>> <<Name>>
 
 KOMMENTAR


Unbekannte Geschichten

(Erweiterter Text unserer Meldung vom 28. Oktober)

Ob es nun Milliarden oder nur Millionen waren und überhaupt wie viele, ist nicht geklärt, was die damalige Sozialministerin Ruth Dreifuss im Parlament bestätigte. Aber die Zahl «20 Milliarden», welche die Versicherer in den 90er Jahren aus dem Geschäft mit Pensionskassen angeblich in ihre Taschen lenkten, schien unbestritten.

Woher die Autoren der TV-Sendung «Das Protokoll» die Zahl haben? Von alt NR Hugo Fasel, der sie am lautesten beklagte? Egal. Aus Sicht eines auf maximale Wirkung  bedachten Journalismus musste verständlicherweise die grösste, gerüchteweise kursierende Zahl genommen werden. Sie als schlichtes Faktum zu präsentieren, ist allerdings ein starkes Stück. Aber vielleicht sind wir da einfach wieder einmal zu empfindlich.

An die nun schon bald 20 Jahre zurückliegende Aufregung um die Vorkommnisse dürfte sich kaum noch jemand erinnern. Aufgewärmt wurde die Geschichte vom Fernsehen, weil ein kürzlich aufgetauchtes Sitzungsprotokoll ganz neue Einsichten in die Entstehungsgeschichte des BVG erlauben soll. Ausgestrahlt wurde die Sendung zur «Unbekannten Geschichte der 2. Säule» am 27. Oktober vom Fernsehen SRF.  

Gesetze haben die Versicherer jedenfalls keine verletzt. Andererseits ist unbestritten, dass es in den Wildwest-Tagen nach der Inkraftsetzung des BVG an Transparenz und Erfahrung im Umgang mit dem Obligatorium der 2. Säule fehlte. Und unbestritten ist auch, dass das damalige Bundesamt für Privatversicherung unglücklich operierte. Da hat sich viel geändert, was aber lediglich in der Feststellung einer Mitarbeiterin der Finma zum Ausdruck kam, in welche das Amt integriert wurde. Mit der Legal Quote hat man die Versicherer im Geschäft mit der 2. Säule an die Leine gelegt, die offenbar so straff ist, dass die meisten Anbieter sich aus der Kollektivversicherung verabschiedet haben.

Im Rückblick auf die damaligen Ereignisse hatte man als Zuschauer immerhin die Möglichkeit des Wiedersehens mit allerhand Prominenz unter den damaligen Akteuren. Etwa SGB-Sekretär Fritz Leuthy, der generell enttäuscht ist über die Entwicklung der 2. Säule. Vor allem bedrückt ihn das Verschwinden der Leistungsprimatkassen. Aber das ist Folge von Sachzwängen und ist nicht auf die Bösartigkeit der Welt zurückzuführen.

Alt NR Ruedi Rechsteiner, nie ein Freund der Assekuranz, durfte nochmals seine Vorwürfe wiederholen. Fiel dabei allerdings weniger mit seinen Ansichten auf als mit seiner neuen Brille – statt nach Vorbild Bert Brecht, jetzt in Richtung David Hockney.

Assistiert wurde er in seiner Abneigung gegen die Versicherungsbranche von Christine Egerszegi, die sich bass erstaunt gab, dass eine Branche Anspruch auf 10 Prozent des erzielten Gewinns haben soll.

Aber die Diskussion um Legal Quote, Brutto und Netto, ist im Detail so höllisch komplex, dass die gegenseitigen Argumente sich auf die beiden Standpunkte reduzieren lassen: ihr versteht überhaupt nichts - ihr habt uns über den Tisch gezogen.

Abenteuerlich dann der zweite Schwerpunkt der Sendung: der Einfluss der Versicherer auf die Entstehung und Durchführung der beruflichen Vorsorge. Zentrales Beweisstück: das Sitzungsprotokoll der Versicherungs-Direktorenkonferenz im Hotel Atlantis von Dezember 1972 (!), kurz nach der Abstimmung zum Drei Säulen-System mit 75 Prozent Ja-Stimmen.

Der Protokollführer, vermutlich beim Militär in höherer Funktion, hatte offenbar ein Faible für martialische Formulierungen. Das nicht eben originelle Zitat aus dem Protokoll von der «gewonnen Schlacht und dem noch nicht gewonnen Krieg», wurde gleich mehrfach wiederholt, ohne aber zu verraten, in welchem Zusammenhang es zu verstehen ist. Den aufgebotenen Historikern scheint es jedenfalls enormen Eindruck gemacht zu haben.

Suggeriert wurde, dass es um einen Schlachtplan zum Erlass des BVG geht, das offenbar von den Versicherern quasi im Alleingang formuliert wurde, was gleichzeitig auch alle seine Mängel und heutigen Probleme erklären soll. Eine verwegene Behauptung. Genau besehen aber grober Unfug.

Es hätte schon ein Verweis auf SR Markus Kündig (CVP) genügt, der als Präsident der SGK des Ständerats ein Gegenmodell zur bundesrätlichen Vorlage anschob, das dann mit vielerlei Änderungen 1985 in Kraft trat, um das konstruierte «Narrativ» zu widerlegen.

Statt einer Darstellung des komplizierten parlamentarischen Hin- und Her zwischen den Kammern und den Diskussionen in Fachkreisen verlor sich die «Dokumentation» in wilden Verschwörungstheorien, untermalt von wabernder Musik und düstern Sequenzen mit geheimnisvoll sich öffnenden und schliessenden Archiven, anspielungsreichen Kamerafahrten durch das Bundeshaus und durch leere Gänge, welche – wohin? - führen. Wahrscheinlich in die streng bewachten, unterirdischen Gewölbe, wo die Assekuranz ihre geklauten Milliarden hortet.

Die Versicherungsbranche – Unternehmen und Verband – hatte offenbar keine Lust, sich in Interviews zu äussern. Was auch nur soviel zum Wahrheitsgehalt der Sendung aussagt, wie man hinein interpretieren will. Eine «unbekannte Geschichte» wurde jedenfalls nicht geboten. Bestenfalls eine einseitige, ideologische Interpretation der Geschichte; eigentlich aber eher eine Räuberpistole mit Anleihen an der Historie.

Peter Wirth, E-Mail


Impressum
Herausgeber: Vorsorgeforum - www.vorsorgeforum.ch
Redaktion:
Peter Wirth, E-Mail
Inserate:
Wir informieren Sie gerne über unsere Bedingungen.
Abo: Sie können diesen Newsletter unentgeltlich auf unserer Website abonnieren. Wenn Sie von der Mailing-List gestrichen werden wollen, so klicken Sie bitte auf den Link in der untersten Zeile dieser Seite.
Mitteilungen an die Redaktion unter info@vorsorgeforum.ch.

Der Newsletter erscheint i.d.R. alle vierzehn Tage.

Das Vorsorgeforum wurde 1989 gegründet. Ihm gehören als Mitglieder an: private und öffentlich-rechtliche Vorsorgeeinrichtungen, Organisationen der Sozialpartner, der Schweizerische Pensionskassenverband, Pensionskassen-Experten, der Schweizerische Versicherungsverband, die Bankiervereinigung, Dienstleistungsunternehmen im Bereich berufliche Vorsorge und engagierte Private.







This email was sent to <<E-Mail Adresse>>
why did I get this?    unsubscribe from this list    update subscription preferences
Vorsorgeforum · Talmattstrasse 22 · Riehen 4125 · Switzerland