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   363  9.7.2018       
      
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 KOMMENTAR

 

Abtischen

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. In diesem Kommentar soll das auch für eine Metapher gelten. Stellen Sie sich also bitte vor – und denken Sie falls nötig zurück an Ihre Kindheit mit den aufregenden Disney-Trickfilmen – ein Kanu auf einem breiten Strom. Alles ist friedlich und die Kanufahrer bester Dinge. Nur – in der Ferne ist das Donnern eines gewaltigen Wasserfalls zu hören, auf den das Boot zutreibt.

Wahrscheinlich haben Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, bereits kapiert, worauf wir hinauswollen: Die Fahrt unserer AHV in ein gewaltiges Defizit. In den Grafiken zur künftigen Finanzierungssituation geht die Kurve mit dem Stand des Ausgleichsfonds in der Tat ab Mitte 20er-Jahre steil nach unten. Das Bild passt.

Was empfiehlt unsere Regierung den Kanufahrern? Ein bisschen gegen den Strom zu paddeln! Das, so wird allgemein bestätigt, verschafft etwas Luft. Und die Luft soll dazu dienen, uns später etwas Gescheiteres auszudenken. Wozu wir momentan offenbar nicht in der Lage sind.

Doch selbst das empfohlene Paddeln stösst auf wenig Gegenliebe. Weshalb die Regierung Kompensation und Abfederung anbietet. Etwa in der Form, dass – bildlich gesprochen - regelmässig grössere Pausen eingelegt werden sollen. Und dass spätestens ab Alter 65 man überhaupt das Ruder aus der Hand legen und die Arbeit den anderen überlassen darf.

Aber wir hören den Wasserfall, und im Grunde wissen wir schon, was zu tun wäre. Ein bisschen Paddeln ist einfach zu wenig. Wir müssten uns richtig in die Riemen legen. Aber dazu besteht angeblich keine Lust. Wir lassen uns lieber treiben und verschieben das Ganze auf morgen; das ist auch die Haltung unserer Regierung.

*

Auftischen und Abtischen. Bei uns, in der niederalemannischen Nordwestschweiz, sind die Begriffe nicht gebräuchlich, aber wir wissen, was gemeint ist. Wir sagen den Tisch decken und abräumen. Aber die oberalemannische Variante ist hübsch und sie passt besser. Denn neuerdings hört man regelmässig: Das ist jetzt vom Tisch. Widerrede nicht erwünscht, offenbar auch gar nicht erlaubt. Vom Tisch ist jetzt das Frauenrentenalter 65. Abgetischt. Abgeräumt. Entsorgt.

Da scheinen ein paar Leute etwas schwerhörig zu sein. Wir orten sie vornehmlich im linken politischen Spektrum. Der – gemäss unserer konservativen Werthaltung – ziemlich windige Deal des Ständerats, nämlich die Steuervorlage SV17 mit einer Geldspende an die AHV zu erkaufen (eine Form von Ablasshandel), hat unmittelbar zum verräterischen Freudenschrei geführt, jetzt sei das Rentenalter 65 für Frauen, genau, vom Tisch. Offenbar wurde der Wasserfall kurzerhand abgestellt.

Ganz kühn die Vorstellungen des Gewerkschaftsbunds: «Für den SGB ist klar: Die heutigen Probleme der Altersvorsorge können nur mit einer Erhöhung der AHV-Renten gelöst werden. Ein höheres Frauenrentenalter lehnt der SGB ab.» Bitte wie? Haben wir richtig gelesen? Wohl schon, nur befinden wir uns offenbar in unterschiedlichen Universen. Mit ganz unterschiedlichen Naturgesetzen. Beim SGB fliesst der Wasserfall bergaufwärts. Ein Wassersteig, sozusagen.

Gabriela Medici, zuständige Zentralsekretärin, von welcher das obige Zitat stammt, hält sich wohl an die von SGB-Chefökonom Lampart 2011 erlassene Doktrin, der zufolge die AHV-Finanzen bis 2030 gesichert seien. Wahrscheinlich hängt immer noch die folgende Grafik, gerahmt, in ihrem Berner Büro:

 
https://i1.wp.com/www.vorsorgeforum.ch/wp-content/uploads/2018/07/SGB-ahv-2011-2.gif?ssl=1

In dieser Spitzendeckeli-Vorsorgewelt ist es in der Tat gemütlich, und es soll so bleiben: «Die Belastung künftiger Generationen durch die demografische Alterung wird immer wieder dramatisiert. Eine nüchterne Betrachtung kommt zu anderen Ergebnissen,» beruhigte der Chefökonom noch 2011. Und: «Werden eine Erbschaftssteuer, deren Einnahmen in die AHV fliessen, eingeführt und das Erwersbspotenzial besser ausgeschöpft, so resultiert u.U. sogar gar keine Zusatzbelastung für künftige Aktivgenerationen.» Träum weiter, Genosse, möchte man sagen. Wir tun es nicht.

https://i1.wp.com/www.vorsorgeforum.ch/wp-content/uploads/2018/07/BSV-ahv3.gif?ssl=1

Neuere Prognosen, erstellt von den vielgescholtenen Panikmachern, sehen weniger gemütlich aus. Eine massive Mehrbelastung kommt nicht bloss u.U., sondern a.s., nämlich absolut sicher. Man vergleiche etwa die Situation für 2025 in den beiden Grafiken.

Es ist ja nicht einfach so, dass man nachher immer klüger wäre als vorher. Das auch, aber es ist nicht empfehlenswert, vorher allzu unklug zu sein und später nichts daraus lernen zu wollen. Ca. 2045 werden wir noch 2 Erwerbstätige pro Rentner haben. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie das funktionieren soll, AHV hin oder her. Aber gemütlich ist diese Aussicht jedenfalls nicht. Schon heute, mit etwas über drei Rentnern, fährt die AHV massive Verluste ein. Und das war schon 2011 absehbar.

Dass die AHV mehr Geld braucht, bestreiten die Gewerkschafter zwar nicht mehr. Innert 20 Jahren - weiss Gott keine Ewigkeit - wäre ohne Gegenmassnahme der Ausgleichsfonds mit fast 200 Mrd. im Minus. Aber von der zwingend notwendigen Rentenaltererhöhung wollen sie partout nichts hören. Auch die SP nicht. Man schliesst die Augen und hofft auf ein Wunder. Man träumt wie anno 2011 und erteilt aus dem Tiefschlaf Anweisung, was zu tun sei.

Unter was für einem Ausmass an Realitätsverweigerung muss man leiden, um wie NR Beat Jans ungeniert verlauten zu lassen: «Als sozialer Ausgleich hat der Ständerat beschlossen, dass für die Steuerausfälle bei den Unternehmen im Gegenzug 2 Milliarden in die AHV fliessen. Dieser Kompromiss ist für die SP unantastbar. Für die SP ist die Diskussion um eine Erhöhung des Frauenrentenalters damit vom Tisch.»

Was soll das heissen? Alle Probleme gelöst? Wir verweigern die Diskussion? Welche Interessen vertritt Jans, fragt man sich. Ist das noch Vorsorgepolitik oder reines Parteimarketing? Bis 2024 sei die AHV mit dem SR-Deal gesichert, verspricht jetzt Christian Levrat, trotz Zusatzmitteln lange vor dem kritischen Termin, den Lampart prognostizierte. Doch eine echte AHV-Revision dauert im Minimum 10 Jahre.

Aber auch bei den bürgerlichen Parteien, den Fachverbänden und Arbeitgebern besteht wenig Lust, sich jetzt für eine Erhöhung stark zu machen. Das geforderte 65/65-Alter ist nicht mehr als ein überfälliger und zaghafter Schritt. Man vertröstet auf die übernächste AHV-Revision, die es dann richten soll.

Auf dem Tisch bleiben ein Revisiönchen, die Hoffnung, dass alles doch noch gut kommt und eine gesalzene Rechnung an die Jungen. Gute Fahrt.

Peter Wirth, E-Mail


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